Zwangseinweisungen in der Bundesrepublik Deutschland
Regina Eppert
Ein Tag, im Mai 2003, der Tag der mein Leben total verändert hat.
Was war passiert? Es war ein Artikel im Spiegel, in dem stand ein Bericht, über die schlimme Zeit unserer Jugend.
Meine Schwester Elke rief mich an und sagte;
"Kauf dir die Zeitung, darin wird von unserer Jugendzeit Zeit berichtet,
unsere Zeit im Vincenzheim".
Es war wie ein Schlag ins Gesicht als ich den Artikel las, die Erinnerung und das Erlebte waren gegenwärtig.
Zwangs ein gewiesen, mit einem Gerichtsbeschluss vom Amtsgericht Altena/Westfalen der mir meine angehende Verwahrlosung bescheinigte.
Nach einiger Zeit wurde ich vom Jugendamt aus unserer Wohnung geholt, ich wurde mit meiner Tochter Christine in die geschlossene Erziehungsanstalt "Vincenzheim" Dortmund gebracht.
Mein soziales Umfeld brach zusammen, ich verlor meinen Arbeitsplatz
und meine kleine Familie.
Wir wurden von einem Tag auf den anderen auseinander gerissen.
Als uns der Gerichtsbeschluss zugestellt wurde,
haben wir niemals angenommen,
dass meine Tochter und ich in eine Erziehungsanstaltanstalt gebracht werden.
Wir waren auf Wohnungssuche, hatten es als junges Ehepaar nicht leicht.
Das wir endlich mit unserer Tochter zusammen leben konnten, waren wir auf Wohnungssuche.
Der Wohnungsmarkt war mit kleinen Wohnungen nicht übersät.
Wir sind unserer Arbeit nachgegangen und hatten versucht
etwas vom Lohn zurückzulegen,
damit wir uns auf die Zukunft vorbereiten und einrichten können.
Solange lebten wir als Ehepaar in getrennten Räumen,
einige Strassen voneinander entfernt.
An den Wochenenden kam mein Mann in die Wohnung
meiner Mutter, wo ich mit meiner Tochter lebte,
damit wir etwas Familie hatten.
Es sollte eine vorübergehende Situation überbrücken.
Meine Mutter versorgte, während ich in der Firma war, unsere Tochter.
Die Nachbarn waren nicht informiert, dass wir schon verheiratet waren, es wurde aufgepasst und gemeldet.
Hinter verschlossenen Türen und hohen Mauern lebte ich dort
von 1960-1962
Es war die Zeit, an die ich nie wieder erinnert werden wollte.
Dort war ich für die Schwestern, eine Sünderin
und meine Tochter "ein Kind der Sünde".
Meine Tochter verschwand am Tag der Einlieferung
in der Kinderabteilung,
mein Ehemann war zu Hause bei seinen Eltern.
Meine Tochter konnte ich bei guter Führung,
einmal die Woche besuchen, das war nur am Sonntag.
Meinen Ehemann sah ich viele Monate nicht mehr.
Ich habe bis heute nicht erfahren können, ob er mir geschrieben hatte.
Die Briefe wurden kontrolliert oder einbehalten, wenn es der Vorschrift nicht entsprach. Für die Betroffenen galt in diesen Heimen das Postgeheimnis nicht.
Meine Mutter sorgte sich um uns,
sie wurde vor Kummer krank und immer stiller.
Bis zu ihrem Tod lebte sie vollkommen zurückgezogen.
Die Flucht aus Ostpreußen die sie mit uns und ihrem
kranken Mann und unserer Großmutter,
unter schwierigsten Bedingungen mitmachen musste
und nach einigen schwierigen Jahren im Berliner Osten,
wo sie in die Psychiatrie eingeliefert wurde,
weil sie das System anprangerte, tat das Übrige.
Die Flucht von Ostberlin in die Freiheit machte aus ihr einen introvertierten Menschen.
Die Hoffnung, nach einer langen Odyssee, endlich wieder ein richtiges zuhause zu haben, zerschlug sich nach der Aufsicht in ihrer neuen Umgebung.
Die Besuchstage im Vincenzheim konnte sie nicht einhalten,
dazu fehlte ihr das Geld, meine Schwester Elke
hatte damals das Zubrot für unsere Familie,
schon als 13jährige in der Fabrik verdient, dafür wurde sie von
der Schulpflicht befreit.
Elke wurde nach einigen Monaten später,
vom Jugendamt, auch in die Erziehungsanstalt
Vincenzheim Dortmund gebracht.
Der Gerichtsbeschluss bescheinigte auch ihr,
eine angehende Verwahrlosung.
Unsere Mutter war jetzt alleine zuhause und konnte grade
mit Mühe und Not für sich selbst sorgen.
Es waren unglaubliche Zustände,
die sich hinter hohen Mauern
in den geschlossenen Erziehungsanstalten abspielten.
In dieser Zeit gab es ca.3000 Heime für Kinder und Jugendliche.
Abgeschirmt vom gesellschaftlichen Leben,
wurden wir zum Schweigen gebracht.
Eine bedeutende Rolle spielte dabei,das, am Tag der Einweisung die persönlichen Dinge,
die Kulturtasche, Fotos von Familienangehörigen,
die eigene Kleidung uns Zöglingen sofort abgenommen wurde.
Nach der Aufnahme ,Einkleidung mit grauen Kleidern
gab es keine Erklärung.
Schon beim Betreten der Anstalt, spürte man die Kälte,
die uns entgegen kam.
Eine Frage zu stellen, wäre einer Provokation gleich gewesen.
Ohne die Anstaltsregel gelesen zu haben,
spürten wir die Strenge dieser Erzieherinnen.
Schwestern des Hl. Vincenz. von Paul
Nach dieser Feststellung,
"hier kommt kein freundlichen Wort über deren Lippen"
Ohne ein Wort der Erklärung wohin wir gebracht wurden,
ging es sofort in eine geschlossene Abteilung.
Ich wurde in einem Raum gebracht,
dort saßen ca.20 Mädchen in meinem Alter.
Ich sah mich vorsichtig um und schaute in apathische,
traurige und leere Gesichter.
Es kam mir vor, als wären sie nur in einer Warteschleife kurz vor einem Aufruf;
"Du kannst jetzt nach Hause".
So war es nicht, wir blieben für 18 Monaten in diesem Haus.
Für viele Mädchen wurden Jahre daraus.
Die Zukunft war von nun an für mich und die anderen
vielen Mädchen ungewiss.
Von der "barmherzigen Schwester" bekam ich schon
am 1.Tag meiner Einweisung ein
weißes Tuch in die Hände, mit einer kurzen Erklärung in die Häkelkunst
fing ich an zu häkeln, so wie es die Anderen taten.
Ich verhielt mich ruhig, stellte keine Fragen, nur nicht auffallen,
ich komme sowieso bald wieder nach Hause, dachte ich hoffungsvoll,
wenn ich mich brav und sittsam verhalte, bin ich bald wieder mit
meiner Familie zusammen.
Hohe Mauern, abgeschlossene Türen,
die Fenstern fest verschlossen und mit Gittern versehen.
Hier konnte keiner entfliehen.
Die Erzieher kannten kein Pardon,
bei "Ungehorsam" wurde mit Gegenständen
auf die Heimkinder geprügelt, Mißbrauch wurde stillschweigend
geduldet, verbale Attacken und weitere Erniedrigungen waren an
der Tagesordnung.
Lachen und Fröhlichkeit war verboten,
weinen war verboten, weinen wäre eine Erleichterung gewesen,
weinen konnte ich nicht, ich war starr vor Angst und Entsetzen
was hier mit mir geschah.
Ich konnte keine Fragen stellen war, reden war verboten.
Tägliche Arbeit und beten waren erlaubt, bzw. war Zwang.
Bei den kleinsten Vergehen wurde man bestraft:
d.h. Klabause (eine Gefängniszelle)
zur "Besinnung" wurden die nicht "Angepassten"
dort eingesperrt.
War in den Klabausen kein Platz mehr,
wurde man in den Schlafsaal oder im Duschraum eingesperrt.
In den in meisten Fällen waren es drei Tage,
bei schweren "Vergehen". Verweigerung jeglicher Anordnung
z.B. "keine Einsicht zeigen" sich störrisch zu verhalten, nicht zur Beichte gehen wollte, wenn Pater Fürbaß hinter dem Vorhang saß....und viele anzügliche Fragen stellte wurden wir eingesperrt, es konnten daraus viele Tage und einsame Nächte werden.
Und das, bei Wasser und trocken Brot.
Nach diesem Aufenthalt, in den "Erziehungsanstalten"
waren unsere Seelen ausgebrannt.
Viele Betroffene schwiegen jahrzehntelang, vor Scham und Angst.
Wir waren Verlierer der Gesellschaft,
die Verlierer im damaligen Wirtschaftswunder - land.
° Unbezahlte Arbeit
° Eingesperrt
° Geschlagen
° Mißbraucht
° Beschimpfungen
° Ausgenutzt
° Gequält
Bundesweit melden sich Betroffene.
Ehemalige Heimkinder, die endlich, über ihr grausames
Schicksal reden wollen.
Die Erlebnisse, nach den vielen Jahren der Verdrängung,
sind wieder da.
Jahre sind vergangen, das Erlebte haben sie nicht vergessen können.
Dieses Leid wird in dem am 13. Februar 2006
erschienene Spiegel-Buch "Schläge im Namen des Herrn" –
"Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik" von Peter Wensierski dokumentiert.
In diesem Buch kommen, neben einem ausführlichen Recherche-Teil, erstmals in dem Umfang betroffene Heimkinder aus der gesamten Bundesrepublik zu Wort.
Mit seinem Buch" Schläge im Namen des Herrn" eine Welle der Empörung ausgelöst.
Wir haben die Zeit in der Erziehungsanstalt für Jahrzehnte verdrängt,
haben uns geschämt,
das Erlebte in den Erziehungsanstalten wollten wir vor aller Welt verschweigen.
Betroffene Frauen haben das Erlebte ihren Ehemännern
verschwiegen,
die betroffenen Männer ihren Frauen davon nichts anvertraut.
Vertrauen konnten viele Betroffene bis heute nicht aufbauen.
Das Misstrauen wurde in diesen Institutionen gesät
und vertrieb die meisten Betroffenen in die Einsamkeit.
Die unsterbliche Sehnsucht nach Liebe, Zuwendung und Geborgenheit blieb.
Es machte uns Angst, wenn die Nachbarn
oder wenn in der Schule gemunkelt wurde:
"Es wird schon etwas dran gewesen sein,
umsonst hat man die nicht in die Erziehungsanstalt gesteckt".
Die Drohung "Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim",
wurde in vielen Familien in dieser Zeit,
bei Erziehungsproblemen als Warnung ausgesprochen
Auffällig konnte man werden:
Durch eine moderne Frisur, eine Blue Jeans zu tragen, wenn Freunde dich an der Haustür abgeholt haben, ganz schlimm war es, wenn ein Mädchen von einem Freund mit dem Moped abgeholt wurde.
Der damals moderne Petticoat, war provokant.
Spät nach Hause zu kommen, das heißt nach 22.00,
amerikanische Musik hören, z.B. Elvis,
oder ein Kind oder Jugendlicher einer allein erziehenden Mutter zu sein.
Das alles konnten Gründe sein, von den Nachbarn denunziert zu werden.
Das Jugendamt machte kurzen Prozess und reagierte umgehend.
Die Aussagen der Nachbarn reichten aus.
Der Verdacht einer drohenden Verwahrlosung
war der Anlass beim zuständigen Amtsrichter
einen Gerichtsbeschluss zu beantragen.
Die Amtsrichter haben die Betroffenen nicht angehört, geschweige denn zu Gesicht bekommen, ein Urteil über diese Menschen haben diese Richter
willkürlich und auf guten Glauben von Aussagen des zuständigen Jugendamtes gefällt.
Bis zum heutigen Tag hat sich kein Amtsrichter dazu geäussert.
Bei einer Tagung in Kassel hat sich einmal ein Jurist
zu Wort gemeldet und dieses Vorgehen der Gerichte bestätigt.
"Ja, so wurde das gemacht"
Mit dem erscheinen des Spiegel- Buchs
"Schläge im Namen des Herrn"
glaubt man uns, man hört uns zu und wir werden ernst genommen.
Ich möchte an die zukünftigen Pädagogen appellieren,
sorgsam mit Kindern und Jugendlichen umzugehen.
Das Urvertrauen an Kindern und Jugendlichen nicht zu zerstören.
Das kann durch Kleinigkeiten im Alltag passieren, Überlastung,
Unachtsamkeit, das grade bei Erziehern "zentnerschwer" wiegen kann.
Kinder sind aufmerksame Beobachter, bei nicht beachten,
kann das schwerwiegende Folgen für ihr späteres Leben haben.
Auch ich kann mich an meine Zeit im Kindergarten sehr gut an
die positiven und negativen Erlebnisse erinnern.
Da gab es eine liebevolle Behandlung von den Kindergärtnerinnen,
die uns nach der Essensausgabe ,aus der Feldküche der Soldaten,
ein Feldbett aufstellten damit wir unseren Mittagsschlaf
abhalten konnten.
Da war die alte Dame mit einer runden Nickelbrille,
die dafür sorgte, dass alles schön sauber war.
Wir fühlten uns geborgen, es war die Zeit nach dem 2.Weltkrieg
und es war keine gute Zeit. Hunger war an der Tagesordnung.
Diese Zeit, in der es schwer war zu überleben" besonders
für allein erziehende Mütter und doch waren wir irgendwie glücklich,
wir wurden von unserer Mutter geliebt, von den Kindergärtnerinnen
gut versorgt, wir konnten vertrauen.
Dieses Vertrauen gab uns Sicherheit, es gab keine Feinde für uns,
dieses Vertrauen war ein Baustein für unser weiteres Leben.
Die negativen Erlebnisse waren die Kälte,
die wir im Winter ertragen mussten, weil wir keine Mäntel hatten,
da waren die vielen Ruinen, die Stadt lag in Träumern.
Doch wir spürten damals die Liebe unserer Mutter die uns mit dem Wenigen
was wir hatten versorgte,
Es liegt an die zukünftigen Pädagogen darauf zu achten,
dass dieses Vertrauen der Kinder und Jugendlichen nicht zerstört wird.
Diese zukünftigen Pädagogen können einen Beitrag dazu leisten,
dass Kinder und Jugendliche
den richtigen Weg ins Leben finden und stark werden für die wichtigen
Aufgaben im Berufsleben, in der Familie und als zukünftige Eltern.
Stimmen von heute :
Sind das die Leute, die immer weggeschaut haben, kann es sein das diesen Menschen nur das eigene Wohl am Herzen liegt ? Menschen mit Gleichgültigkeit behaftet,
"Das geht mich nichts an" oder, wenn man diese Menschen fragt:
" Können sie sich an diese Zeit erinnern, was wissen sie davon, das junge Menschen eingesperrt wurden".
Erschreckend kommt oft die Antwort:
"Das ist solange her, irgend etwas wird schon dran gewesen sein"
"Umsonst hat man die nicht eingesperrt".
"So schlimm kann es doch nicht gewesen sein, die hatten doch einen Schlafplatz und zu essen hatten sie doch auch",
Wann war das, als diese jungen Menschen in eine
Erziehungsanstalt kamen? ,
es war nicht in der Zeit vor dem Krieg, auch in der Zeit des schlimmen Krieges,
nein, es war die Zeit danach.
Das ist nicht irgendwo in einem anderen Land passiert,
nein, geschehen: hier in der Bundesrepublik Deutschland.
Die Aufarbeitung dieser schlimmen Zeit hat erst jetzt angefangen.
Die Betroffenen, aus den 50,60 und 70er Jahren stehen wieder Angriffen gegenüber, wenn sie sich nach über 40 Jahren, über ihren Aufenthalt in den Erziehungsanstalt in den Medien darüber geäußert haben.
Unglaubliches passiert im Jahr 2008 .
Es werden schon wieder Stimmen laut, über Erziehungslager geschlossene Erziehungsheime und Besinnungszellen.
Da kommt bei mir, als ehemaliges Heimkind,
die Frage auf "Wer sollte sich hier ändern und besinnen
"Die Gesellschaft oder die Jugendlichen".
Es waren unglaubliche Zustände, die wir heute nicht zulassen dürfen.