Regina Page
Der Albtraum begann mit 7 Jahren.
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Geschichten und berichte über Heimkinder

Hunderttausende Kinder und Jugendlicher lebten während der 1950er und 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland in Heimen-vielfach in katholischer und evangelischer Trägerschaft.

Das Buch von Bernhard Frings/ Uwe Kaminsky

berichtet über diese Zeit

Gehorsam- Ordnung- Religion

erschienen im Aschendorf Verlag ISBN 978-3-402-12912-8

Erinnerungen

Ein Gedicht von Mädchen aus dem Vincenzheim Dortmund

Aus dem Jahr 1975

In Dortmund gibt´s das Vincenzheim,

da kommen böse Mädchen rein.

Die werden Nonnen anvertraut,

und von den Nonnen dann versaut.

Refr.

Vincentine ist der Boss,

die bringt die Mädchen hinters Schloss,

die Vincentine die muss weg,

sie ist der grosse Mädchenschreck

Die Briefe werden hier zensiert,

Besuche werden kontrolliert

Der Gottesdienst ist Pflicht,

denn ohne Gott da geht’s hier nicht

Refr.

Die Vincentine ist der Boss,

die bringt die Mädchen hinters Schloss,

die Vincentine die muss weg,

sie ist der grosse Mädchenschreck.

Und wird einmal ein Mädchen krank

Dann dauert es meistens lang,

bis die Nonnen etwas tun,

weil sie auf ihren Ärschen ruh´n.

Refr.

Die Vincentine ist der Boss,

die bringt die Mädchen hinters Schloss,

die Vincentine die muss weg,

sie ist der grosse Mädchenschreck

Für Mädchen gibt es hier noch Zell´n,

wenn sie nicht mit der Meute bell´n.

Und wenn der Nonne was nicht passt,

dann kommt man einfach in den Knast.

Refr.

Die Vincentine ist der Boss,

die bringt die Mädchen hinters Schloss,

die Vincentine die muss weg,

sie ist der grosse Mädchenschreck

Pater Fürbaß kommt viermal im Jahr,

und ist dann für die Beichte da.

Der Pfaffe ist ein geiler Bock,

und schaut den Mädchen unter´n Rock.

Refr.

Die Vincentine ist der Boss,

die bringt die Mädchen hinters Schloss,

die Vincentine die muss weg,

sie ist der grosse Mädchenschreck

Die Arbeit in dem Bügelsaal

Ist allen Mädchen eine Qual.

Das bringt der Vincentine Geld,

doch die Ausbildung fehlt.

Refr.

Die Vincentine ist der Boss,

die bringt die Mädchen hinters Schloss,

die Vincentine die muss weg,

sie ist der grosse Mädchenschreck

Und hat´ne Frau ein Kind bekommen,

dann wird es ihr gleich weggenommen.

Die Kinder werden isoliert,

dreimal zum Winkeln vorgeführt.

Das Heim ist wirklich ein Skandal,

für alle Mädchen eine Qual.

Drum sind die ersten dreißig Frauen

Vor einem Jahr schon abgehauen.

Refr.

Die Vincentine ist der Boss,

die bringt die Mädchen hinters Schloss,

die Vincentine die muss weg,

sie ist der grosse Mädchenschreck

Nach der Melodie von Johann Mäusel

 

Von Bodo Kirchhoff

Was damals im Internat wirklich geschah.

Ich bin missbraucht worden - ein Wort, das nicht viel taugt, das nicht weiterhilft, das nur die ganze Misere der Sprachlosigkeit zeigt. Was ist geschehen? Ich war zwölf, ein hübsches Internatskind, und der Heimleiter und Schulkantor, ein Mann wie Winnetou (der meiner Phantasie, bevor es die Filme gab), Anfang dreißig, langes Haar (1960!), Roth-Händle-Raucher, Cabrio-Fahrer, führte mich, weil ich über Kopfweh geklagt hatte, am späten Abend auf sein Zimmer. Dort zog er mir einen gepunkteten Schlafanzug aus - man merkt sich auch das kleinste Detail -, nahm meinen Kopf in die Hände und küsste mich, seine Zunge schmeckte nach Rauch und Odol, unvergesslich. Ich war noch nie so geküsst worden und erwiderte den Kuss, um nicht unhöflich zu sein, aber es war auch ein Bedürfnis, frisch geweckt; und ich dachte, es sei seine Art, Kopfweh zu heilen. Dann streichelte er mein kindliches Ding, es wurde groß und hart, glühend gegen meinen Willen, also schämte ich mich auch glühend, und Winnetou flüsterte mir in den Mund "Dem Schwein ist alles Schwein, dem Reinen ist alles rein." Das waren seine einzigen Worte in dieser ersten Nacht von vielen.

Aber mit Streicheln war es nicht getan, er wollte mehr, ich sollte das Stigma der Lust tragen, von ihm empfangen. Er küsste das Harte, er streichelte es, er machte immer weiter, gnadenlos zärtlich, und ich hatte den ersten Orgasmus - von diesem Wort noch viele Jahre entfernt. Ich wusste nicht, was da unten los war, es war der Wahnsinn, wie man heute sagt, damals ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen. Aus dem kindlichen Ding war innerhalb einer Nacht ein Schwanz geworden - ich war ein sprachloses Kind mit Schwanz. Und mein Stigmatisierer war ein großartiger Kantor und verdammter Päderast, ein so verdammter Knabenlutscher wie all die Patres, die jetzt auffliegen. Und für ihn galt kein Zölibat; die Internatsschule (Gaienhofen am Bodensee) ist evangelisch - und seit langem nicht mehr mit dem zu vergleichen, was mir dort zugestoßen war. Schon Mitte der achtziger Jahre ging ich, vor einer Lesung an der Schule, in das Zimmer, in dem mir Ältere jahrelang übel mitgespielt hatten (nicht sexuell), und drei Mädchen saßen auf dem Boden und kochten Tee. Die Gewalt lasse ich hier weg; sie haut nur rein, und später gibt man damit an. Man erzählt davon, weil von vornherein eine Sprache dazu existiert hat - die gab es im Bett nicht. Der Päderast flüstert geilen Unsinn, seine Sprache ist so verklärt wie versaut, ein gebildetes obszönes Delirieren. Winnetou hat Scheiße geflüstert, die ich für Gold hielt; alles im Leben des Päderasten dreht sich um hilflosen Sex, ohne dass es eine geklärte, mit anderen teilbare Sprache dazu gibt, wie auch. Winnetou war in der Schule mein Religionslehrer; er hat von Jesus geredet und an meine Seufzer unter seinen Händen gedacht, das hat er mir später gestanden. Er holte mich unter immer neuen Vorwänden auf sein Zimmer, mal um meine Gitarre zu stimmen, mal um mir den 23. Psalm zu erklären. Er war der Hirte meiner Lust, es mangelte mir an nichts; das finstere Tal kam, als die Sonne aufging. Und böse war ich ihm erst, als auf einer Konzertreise durch Finnland in langen weißen Sommernächten herauskam, dass ich bei weitem nicht der Einzige war. So was haut auch rein.

Nach dieser Reise habe ich ihn nie wieder gesehen, er ist mit Billigung der evangelischen Landeskirche davongekommen, und ein Menschenleben lang habe ich daran gedacht, wie es wäre, ihn noch einmal zu treffen. Im Internat gab es keinen Skandal, es gab nur Verhöre durch Leute, die alles ganz genau wissen wollten, um sich darüber, eher aber daran zu erregen. Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller. Und diese Arbeit an einer Sprache der Sexualität ist noch immer nicht beendet; weder die Aufklärungswelle der späten Sechziger und schon gar nicht die Flut der Pornografie in den Jahrzehnten danach und das unendliche libertäre Geschwätz in Talkshows und im Internet haben daran irgendetwas geändert. Der ganze Sex-Sprachmüll hat die Sprachnot der Betroffenen nicht gelindert, im Gegenteil: Für die schlichte Wahrheit gab es jetzt gar keine Worte mehr. Und lieber behält man intimen Schmutz für sich, als ihn einer schmutzgierigen Welt auszusetzen, die sich nur respektlos erschüttert zeigt.

"Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist."

Ich war zwölf, und ich war schmutzig - verdorben, sagte man damals, nicht ahnend, wie treffend dieses Wort ist. Einerseits war ich nach Winnetou nie in Gefahr, mich auf andere Jungs oder später auf Männer zu werfen (obwohl mir Männer gefallen können), denn das Internat war zum Glück gemischt, und irgendwann gab es eine Mitschülerin und das dichte Schilf am Untersee; andererseits hat meine Sexualität bis heute etwas Verwahrlostes, einen Mangel an Verbindlichkeit, dem ich ständig sprachlich zu begegnen versuche. Ich habe sogar mein Studium danach ausgesucht (Psychoanalytische Pädagogik rauf und runter), und auch meinen Beruf - ohne dass ich eine Wahl gehabt hätte und ohne dass Schriftsteller ein echter Beruf wäre (eher eine noble Tarnung eigener Schwäche). Ein lebenslanges faustisches Bemühen, kann man sagen, um das sprachlose Schwanzkind durch Erkenntnis zu retten (öffentlich in der Frankfurter Poetikvorlesung 1994 und in dem Roman "Parlando" 2001). Doch erst die jetzige Debatte hat mich so zum Reden gebracht, dass es peinlich ist (für mich und die, denen ich nahe bin). Wie aber muss es da erst um die stehen, die trotz ihres Winnetous lebenslang keine Gelegenheit zur Spracharbeit hatten, weil sie normale Berufe ausüben?

Der sogenannte Missbrauch - natürlich konfessionsübergreifend, was sonst - hinterlässt ein ungeheures Sprachloch. Es ist ein Loch - das Wort Narbe wäre schon ein Euphemismus -, das weder die Zeit heilen kann noch Prozesse; der Begriff Verjährung ist in jedem Fall absurd. Ja, mit den Jahren vergrößert sich dieses Loch sogar, denn zur mangelnden Sprache kommen noch die immer ungenaueren, von keiner Sprache geretteten Erinnerungen. Kaum etwas bestärkt mich deshalb mehr als eine kleine, wahrhaftige Geschichte, die im Laufe eines Schreibseminars entsteht, wie ich sie mit meiner Frau am Gardasee halte, eine Geschichte, bei der ein Sprachspalt über einem sexuellen oder anderen Schrecken erzählend geschlossen wird.

Die öffentliche Reue oder christliche Entschuldigung im Fernsehen ist dagegen sprachlich ein Gestammel, das an Tiger Woods und Bill Clinton erinnert, wie auch das Stammeln derer, die nur das Wort Missbrauchsopfer für sich kennen und laufend wiederholen.

Ich war ein Kandidat für meinen Winnetou-Kantor, wie es Kandidaten an der Odenwaldschule und anderen Internaten gab, unzählige - im Übrigen seit langem bekannt, man musste sich nur dafür interessieren.

Es gab immer ein Gerede, doch erst jetzt wird daraus ein Reden, und nur das, nichts sonst, kann dem Geschehenen ein Gesicht geben. Sexuelles Erwachsenwerden ist lebenslange Arbeit, wenn in den Anfängen etwas dramatisch schiefgelaufen ist; mit aufgeblasenen, frühreifen Körperteilen ist so wenig zu spaßen wie mit hohlen Worten. Wer ein sexuelles Schicksal hat - mehr als eine sexuelle Biografie -, der muss früher oder später davon erzählen, um nicht kindisch darin zu verharren (mein ganzes Schreiben handelt von kaum etwas anderem).

Nachdem es mit Winnetou und mir vorbei war - um das hier zu Ende zu erzählen -, war ich, wie gesagt, ein sprachloses Kind mit Schwanz (für früh verführte Mädchen gilt dasselbe, nur noch drastischer ausgedrückt). Ich zappelte sozusagen an diesem Stück von mir, das ein Mann in seinen Mund genommen hatte, bis alles zu spät war, und letztlich geht es darum, diesen Spieß umzudrehen: das in den Mund zu nehmen und auszusprechen, was unfassbar war (und was meine Eltern in einer verklebten, seligen Zeit nicht einmal geahnt hatten), was mein verstecktes Ich blieb, so schrecklich wie interessant.

Missbrauch - ohne physische Gewalt wohlgemerkt, also der häufigere Fall - ist nicht nur ein Delikt, sondern spielt sich auch auf dem weiten Feld der Liebe ab. Und dort ist es, aus meiner Sicht (um nicht Opfersicht zu sagen), ein viel zu frühes Begehrtwerden, eine Körpererweckung, ohne die Sprache mitzuziehen. Aus Sicht des Päderasten - der sich immer als Pädagoge gibt, mit allen Insignien des Akademischen - ist es einfach ein Begehren, halbseiden zwar, aber mit voller Kraft. Aschenbach, berühmtester aller halbseidenen begehrenden Bildungsmenschen aus "Der Tod in Venedig", weiß sich "am Narrenseile geleitet von der Passion"; und sein unglücklicher Schöpfer Thomas Mann geht noch weiter: Die Erkenntnis all dessen hat für Aschenbach "Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der Abgrund".

Päderasten sind unbelehrbar, wie alle wirklich Liebenden. In diesem Punkt sind sie dumm, und dumm sind auch die beflissenen Aufarbeiter, wenn sie von damaligen Exzessen sprechen - was Exzesse sind, sollte man beim Marquis de Sade nachlesen. Was mir widerfahren ist, waren Doktorspiele, Ferkeleien, unausgegorener Sex, aber gepaart mit stummer Liebe, einem echten Begehren. Und wer begehrt, begehrt, ob Knabenlippen, die Hüften einer Frau oder das Leid des Gekreuzigten wie der Heilige Franziskus. Da ist jede Entschuldigung nur Theater; wir müssen uns schon selbst verzeihen (und auch selbst entschädigen).

Die Winnetous oder falschen Pädagogen sind, wie sie sind, sexuelle Freaks im Kleinen, und genau das reichen sie weiter. Keinem der Betroffenen sieht man an, wieviel in ihm kaputt ist, welchen Umfang das Sprachloch hat; jeder hat seine Scheinsprache entwickelt, um mit sich und der Welt klarzukommen. Macht kaputt, was euch kaputtmacht, hieß es, als ich Student in meinem Gehäuse war; aber es reicht, davon Wort für Wort, ohne Rücksicht auf sich und andere, zu erzählen.


Schläge im Namen des Herrn

Spiegel- Buch

Peter Wensierski

ISBN 342105892X

DVA www.schlaege.com

Hier können Sie weitere Geschichten ehemaliger Heimkinder, und Medienberichte nachlesen

Der Verein ehemliger Heimkinder e.V.

www.veh.ev.org

 

 

Zwangseinweisungen in der Bundesrepublik Deutschland

Regina Eppert

Ein Tag, im Mai 2003, der Tag der mein Leben total verändert hat.

Was war passiert? Es war ein Artikel im Spiegel, in dem stand ein Bericht, über die schlimme Zeit unserer Jugend.

Meine Schwester Elke rief mich an und sagte;

"Kauf dir die Zeitung, darin wird von unserer Jugendzeit Zeit berichtet,

unsere Zeit im Vincenzheim".

Es war wie ein Schlag ins Gesicht als ich den Artikel las, die Erinnerung und das Erlebte waren gegenwärtig.

Zwangs ein gewiesen, mit einem Gerichtsbeschluss vom Amtsgericht Altena/Westfalen der mir meine angehende Verwahrlosung bescheinigte.

Nach einiger Zeit wurde ich vom Jugendamt aus unserer Wohnung geholt, ich wurde mit meiner Tochter Christine in die geschlossene Erziehungsanstalt "Vincenzheim" Dortmund gebracht.

Mein soziales Umfeld brach zusammen, ich verlor meinen Arbeitsplatz

und meine kleine Familie.

Wir wurden von einem Tag auf den anderen auseinander gerissen.

Als uns der Gerichtsbeschluss zugestellt wurde,

haben wir niemals angenommen,

dass meine Tochter und ich in eine Erziehungsanstaltanstalt gebracht werden.

Wir waren auf Wohnungssuche, hatten es als junges Ehepaar nicht leicht.

Das wir endlich mit unserer Tochter zusammen leben konnten, waren wir auf Wohnungssuche.

Der Wohnungsmarkt war mit kleinen Wohnungen nicht übersät.

Wir sind unserer Arbeit nachgegangen und hatten versucht

etwas vom Lohn zurückzulegen,

damit wir uns auf die Zukunft vorbereiten und einrichten können.

Solange lebten wir als Ehepaar in getrennten Räumen,

einige Strassen voneinander entfernt.

An den Wochenenden kam mein Mann in die Wohnung

meiner Mutter, wo ich mit meiner Tochter lebte,

damit wir etwas Familie hatten.

Es sollte eine vorübergehende Situation überbrücken.

Meine Mutter versorgte, während ich in der Firma war, unsere Tochter.

Die Nachbarn waren nicht informiert, dass wir schon verheiratet waren, es wurde aufgepasst und gemeldet.

Hinter verschlossenen Türen und hohen Mauern lebte ich dort

von 1960-1962

Es war die Zeit, an die ich nie wieder erinnert werden wollte.

Dort war ich für die Schwestern, eine Sünderin

und meine Tochter "ein Kind der Sünde".

Meine Tochter verschwand am Tag der Einlieferung

in der Kinderabteilung,

mein Ehemann war zu Hause bei seinen Eltern.

Meine Tochter konnte ich bei guter Führung,

einmal die Woche besuchen, das war nur am Sonntag.

Meinen Ehemann sah ich viele Monate nicht mehr.

Ich habe bis heute nicht erfahren können, ob er mir geschrieben hatte.

Die Briefe wurden kontrolliert oder einbehalten, wenn es der Vorschrift nicht entsprach. Für die Betroffenen galt in diesen Heimen das Postgeheimnis nicht.

Meine Mutter sorgte sich um uns,

sie wurde vor Kummer krank und immer stiller.

Bis zu ihrem Tod lebte sie vollkommen zurückgezogen.

Die Flucht aus Ostpreußen die sie mit uns und ihrem

kranken Mann und unserer Großmutter,

unter schwierigsten Bedingungen mitmachen musste

und nach einigen schwierigen Jahren im Berliner Osten,

wo sie in die Psychiatrie eingeliefert wurde,

weil sie das System anprangerte, tat das Übrige.

Die Flucht von Ostberlin in die Freiheit machte aus ihr einen introvertierten Menschen.

Die Hoffnung, nach einer langen Odyssee, endlich wieder ein richtiges zuhause zu haben, zerschlug sich nach der Aufsicht in ihrer neuen Umgebung.

Die Besuchstage im Vincenzheim konnte sie nicht einhalten,

dazu fehlte ihr das Geld, meine Schwester Elke

hatte damals das Zubrot für unsere Familie,

schon als 13jährige in der Fabrik verdient, dafür wurde sie von

der Schulpflicht befreit.

Elke wurde nach einigen Monaten später,

vom Jugendamt, auch in die Erziehungsanstalt

Vincenzheim Dortmund gebracht.

Der Gerichtsbeschluss bescheinigte auch ihr,

eine angehende Verwahrlosung.

Unsere Mutter war jetzt alleine zuhause und konnte grade

mit Mühe und Not für sich selbst sorgen.

Es waren unglaubliche Zustände,

die sich hinter hohen Mauern

in den geschlossenen Erziehungsanstalten abspielten.

In dieser Zeit gab es ca.3000 Heime für Kinder und Jugendliche.

Abgeschirmt vom gesellschaftlichen Leben,

wurden wir zum Schweigen gebracht.

Eine bedeutende Rolle spielte dabei,das, am Tag der Einweisung die persönlichen Dinge,

die Kulturtasche, Fotos von Familienangehörigen,

die eigene Kleidung uns Zöglingen sofort abgenommen wurde.

Nach der Aufnahme ,Einkleidung mit grauen Kleidern

gab es keine Erklärung.

Schon beim Betreten der Anstalt, spürte man die Kälte,

die uns entgegen kam.

Eine Frage zu stellen, wäre einer Provokation gleich gewesen.

Ohne die Anstaltsregel gelesen zu haben,

spürten wir die Strenge dieser Erzieherinnen.

Schwestern des Hl. Vincenz. von Paul

Nach dieser Feststellung,

"hier kommt kein freundlichen Wort über deren Lippen"

Ohne ein Wort der Erklärung wohin wir gebracht wurden,

ging es sofort in eine geschlossene Abteilung.

Ich wurde in einem Raum gebracht,

dort saßen ca.20 Mädchen in meinem Alter.

Ich sah mich vorsichtig um und schaute in apathische,

traurige und leere Gesichter.

Es kam mir vor, als wären sie nur in einer Warteschleife kurz vor einem Aufruf;

"Du kannst jetzt nach Hause".

So war es nicht, wir blieben für 18 Monaten in diesem Haus.

Für viele Mädchen wurden Jahre daraus.

Die Zukunft war von nun an für mich und die anderen

vielen Mädchen ungewiss.

Von der "barmherzigen Schwester" bekam ich schon

am 1.Tag meiner Einweisung ein

weißes Tuch in die Hände, mit einer kurzen Erklärung in die Häkelkunst

fing ich an zu häkeln, so wie es die Anderen taten.

Ich verhielt mich ruhig, stellte keine Fragen, nur nicht auffallen,

ich komme sowieso bald wieder nach Hause, dachte ich hoffungsvoll,

wenn ich mich brav und sittsam verhalte, bin ich bald wieder mit

meiner Familie zusammen.

Hohe Mauern, abgeschlossene Türen,

die Fenstern fest verschlossen und mit Gittern versehen.

Hier konnte keiner entfliehen.

Die Erzieher kannten kein Pardon,

bei "Ungehorsam" wurde mit Gegenständen

auf die Heimkinder geprügelt, Mißbrauch wurde stillschweigend

geduldet, verbale Attacken und weitere Erniedrigungen waren an

der Tagesordnung.

Lachen und Fröhlichkeit war verboten,

weinen war verboten, weinen wäre eine Erleichterung gewesen,

weinen konnte ich nicht, ich war starr vor Angst und Entsetzen

was hier mit mir geschah.

Ich konnte keine Fragen stellen war, reden war verboten.

Tägliche Arbeit und beten waren erlaubt, bzw. war Zwang.

Bei den kleinsten Vergehen wurde man bestraft:

d.h. Klabause (eine Gefängniszelle)

zur "Besinnung" wurden die nicht "Angepassten"

dort eingesperrt.

War in den Klabausen kein Platz mehr,

wurde man in den Schlafsaal oder im Duschraum eingesperrt.

In den in meisten Fällen waren es drei Tage,

bei schweren "Vergehen". Verweigerung jeglicher Anordnung

z.B. "keine Einsicht zeigen" sich störrisch zu verhalten, nicht zur Beichte gehen wollte, wenn Pater Fürbaß hinter dem Vorhang saß....und viele anzügliche Fragen stellte wurden wir eingesperrt, es konnten daraus viele Tage und einsame Nächte werden.

Und das, bei Wasser und trocken Brot.

Nach diesem Aufenthalt, in den "Erziehungsanstalten"

waren unsere Seelen ausgebrannt.

Viele Betroffene schwiegen jahrzehntelang, vor Scham und Angst.

Wir waren Verlierer der Gesellschaft,

die Verlierer im damaligen Wirtschaftswunder - land.

° Unbezahlte Arbeit

° Eingesperrt

° Geschlagen

° Mißbraucht

° Beschimpfungen

° Ausgenutzt

° Gequält

Bundesweit melden sich Betroffene.

Ehemalige Heimkinder, die endlich, über ihr grausames

Schicksal reden wollen.

Die Erlebnisse, nach den vielen Jahren der Verdrängung,

sind wieder da.

Jahre sind vergangen, das Erlebte haben sie nicht vergessen können.

Dieses Leid wird in dem am 13. Februar 2006

erschienene Spiegel-Buch "Schläge im Namen des Herrn" –

"Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik" von Peter Wensierski dokumentiert.

In diesem Buch kommen, neben einem ausführlichen Recherche-Teil, erstmals in dem Umfang betroffene Heimkinder aus der gesamten Bundesrepublik zu Wort.
Mit seinem Buch" Schläge im Namen des Herrn" eine Welle der Empörung ausgelöst.

Wir haben die Zeit in der Erziehungsanstalt für Jahrzehnte verdrängt,

haben uns geschämt,

das Erlebte in den Erziehungsanstalten wollten wir vor aller Welt verschweigen.

Betroffene Frauen haben das Erlebte ihren Ehemännern

verschwiegen,

die betroffenen Männer ihren Frauen davon nichts anvertraut.

Vertrauen konnten viele Betroffene bis heute nicht aufbauen.

Das Misstrauen wurde in diesen Institutionen gesät

und vertrieb die meisten Betroffenen in die Einsamkeit.

Die unsterbliche Sehnsucht nach Liebe, Zuwendung und Geborgenheit blieb.

Es machte uns Angst, wenn die Nachbarn

oder wenn in der Schule gemunkelt wurde:

"Es wird schon etwas dran gewesen sein,

umsonst hat man die nicht in die Erziehungsanstalt gesteckt".

Die Drohung "Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim",

wurde in vielen Familien in dieser Zeit,

bei Erziehungsproblemen als Warnung ausgesprochen

Auffällig konnte man werden:

Durch eine moderne Frisur, eine Blue Jeans zu tragen, wenn Freunde dich an der Haustür abgeholt haben, ganz schlimm war es, wenn ein Mädchen von einem Freund mit dem Moped abgeholt wurde.

Der damals moderne Petticoat, war provokant.

Spät nach Hause zu kommen, das heißt nach 22.00,

amerikanische Musik hören, z.B. Elvis,

oder ein Kind oder Jugendlicher einer allein erziehenden Mutter zu sein.

Das alles konnten Gründe sein, von den Nachbarn denunziert zu werden.

Das Jugendamt machte kurzen Prozess und reagierte umgehend.

Die Aussagen der Nachbarn reichten aus.

Der Verdacht einer drohenden Verwahrlosung

war der Anlass beim zuständigen Amtsrichter

einen Gerichtsbeschluss zu beantragen.

Die Amtsrichter haben die Betroffenen nicht angehört, geschweige denn zu Gesicht bekommen, ein Urteil über diese Menschen haben diese Richter

willkürlich und auf guten Glauben von Aussagen des zuständigen Jugendamtes gefällt.

Bis zum heutigen Tag hat sich kein Amtsrichter dazu geäussert.

Bei einer Tagung in Kassel hat sich einmal ein Jurist

zu Wort gemeldet und dieses Vorgehen der Gerichte bestätigt.

"Ja, so wurde das gemacht"

Mit dem erscheinen des Spiegel- Buchs

"Schläge im Namen des Herrn"

glaubt man uns, man hört uns zu und wir werden ernst genommen.

Ich möchte an die zukünftigen Pädagogen appellieren,

sorgsam mit Kindern und Jugendlichen umzugehen.

Das Urvertrauen an Kindern und Jugendlichen nicht zu zerstören.

Das kann durch Kleinigkeiten im Alltag passieren, Überlastung,

Unachtsamkeit, das grade bei Erziehern "zentnerschwer" wiegen kann.

Kinder sind aufmerksame Beobachter, bei nicht beachten,

kann das schwerwiegende Folgen für ihr späteres Leben haben.

Auch ich kann mich an meine Zeit im Kindergarten sehr gut an

die positiven und negativen Erlebnisse erinnern.

Da gab es eine liebevolle Behandlung von den Kindergärtnerinnen,

die uns nach der Essensausgabe ,aus der Feldküche der Soldaten,

ein Feldbett aufstellten damit wir unseren Mittagsschlaf

abhalten konnten.

Da war die alte Dame mit einer runden Nickelbrille,

die dafür sorgte, dass alles schön sauber war.

Wir fühlten uns geborgen, es war die Zeit nach dem 2.Weltkrieg

und es war keine gute Zeit. Hunger war an der Tagesordnung.

Diese Zeit, in der es schwer war zu überleben" besonders

für allein erziehende Mütter und doch waren wir irgendwie glücklich,

wir wurden von unserer Mutter geliebt, von den Kindergärtnerinnen

gut versorgt, wir konnten vertrauen.

Dieses Vertrauen gab uns Sicherheit, es gab keine Feinde für uns,

dieses Vertrauen war ein Baustein für unser weiteres Leben.

Die negativen Erlebnisse waren die Kälte,

die wir im Winter ertragen mussten, weil wir keine Mäntel hatten,

da waren die vielen Ruinen, die Stadt lag in Träumern.

Doch wir spürten damals die Liebe unserer Mutter die uns mit dem Wenigen

was wir hatten versorgte,

Es liegt an die zukünftigen Pädagogen darauf zu achten,

dass dieses Vertrauen der Kinder und Jugendlichen nicht zerstört wird.

Diese zukünftigen Pädagogen können einen Beitrag dazu leisten,

dass Kinder und Jugendliche

den richtigen Weg ins Leben finden und stark werden für die wichtigen

Aufgaben im Berufsleben, in der Familie und als zukünftige Eltern.

Stimmen von heute :

Sind das die Leute, die immer weggeschaut haben, kann es sein das diesen Menschen nur das eigene Wohl am Herzen liegt ? Menschen mit Gleichgültigkeit behaftet,

"Das geht mich nichts an" oder, wenn man diese Menschen fragt:

" Können sie sich an diese Zeit erinnern, was wissen sie davon, das junge Menschen eingesperrt wurden".

Erschreckend kommt oft die Antwort:

"Das ist solange her, irgend etwas wird schon dran gewesen sein"

"Umsonst hat man die nicht eingesperrt".

"So schlimm kann es doch nicht gewesen sein, die hatten doch einen Schlafplatz und zu essen hatten sie doch auch",

Wann war das, als diese jungen Menschen in eine

Erziehungsanstalt kamen? ,

es war nicht in der Zeit vor dem Krieg, auch in der Zeit des schlimmen Krieges,

nein, es war die Zeit danach.

Das ist nicht irgendwo in einem anderen Land passiert,

nein, geschehen: hier in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Aufarbeitung dieser schlimmen Zeit hat erst jetzt angefangen.

Die Betroffenen, aus den 50,60 und 70er Jahren stehen wieder Angriffen gegenüber, wenn sie sich nach über 40 Jahren, über ihren Aufenthalt in den Erziehungsanstalt in den Medien darüber geäußert haben.

Unglaubliches passiert im Jahr 2008 .

Es werden schon wieder Stimmen laut, über Erziehungslager geschlossene Erziehungsheime und Besinnungszellen.

Da kommt bei mir, als ehemaliges Heimkind,

die Frage auf "Wer sollte sich hier ändern und besinnen

"Die Gesellschaft oder die Jugendlichen".

Es waren unglaubliche Zustände, die wir heute nicht zulassen dürfen.

 
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